26. Jan 2017

Nach dem Praxiseinsatz im Wendland wird die blaue Hoffnung nach Dänemark weitergereicht, von wo aus dann die europäische Test-Tour bis zum Frühjahr 2017 weiter fortgesetzt werden soll. ©Bild: Dierk Jensen

„Ich bin wirklich sehr zufrieden mit den Prototypen. Er leistet, was man von einem Traktor in dieser PS-Klasse gewöhnlich erwartet“, freut sich Horst Seide, Landwirt und Präsident des deutschen Fachverbandes Biogas. ©Bild: Dierk Jensen

Landwirtschaft: Biogas betriebene Traktoren im Praxistest

(©DJ) Mehr Symbolik geht wohl kaum: Der Prototyp des mit Compressed Natural Gas (CNG) betriebenen Traktors des Herstellers New Holland kam in Deutschland ausgerechnet im Wendland, da wo die deutsche Anti-AKW ihr Epizentrum hat, erstmals zum Einsatz. Horst Seide, Präsident des deutschen Fachverbandes Biogas, testet ihn auf seinem Hof. Er betreibt dort zwei Biogasanlagen.


Klar dass Seide den gasbetriebenen 180-PS-Protoypen während der mehrwöchigen Testphase im Herbst letzten Jahres mit Biomethan aus eigener Produktion getankt hat. So auch auf dem Raiffeisen-Autohof in Dannenberg, wo etwas abseits der „fossilen“ Zapfsäulen seit einigen Jahren auch eine Biogas-Zapfsäule installiert ist. Einige Autofahrer blicken etwas erstaunt aus ihren Fensterscheiben, als Seide mit dem blauen Traktor und einem angehängten Güllewagen auf den Autohof vorfährt. Seide fährt von die Zapfsäule, steigt aus dem Führerhauses des New Holland aus, greift sich den Zapfhahn und drückt ihn auf den Saugstutzen, der sich leicht erreichbar unterhalb des Kabinenfensters befindet. Dann beginnt das Auftanken von CNG mit einem Druck von 210 bar. Nach ein paar Minuten ist das Fassungsvermögen des Tanks von 50 Kilogramm, was ungefähr einer Dieselmenge von 75 Litern entspricht, gefüllt.

Zufrieden mit Prototyp
Da Seide keine Kreditkarte parat hat, muss er drinnen am Tresen der Tankstelle bar bezahlen. Er lädt zum Kaffee ins Autohof-Café ein und steuert seinen Test-Traktor auf den Parkplatz – inmitten grosser Brummis. Eine ungewohnte Szene, die Seide aber sichtlich gefällt. „Ich bin wirklich sehr zufrieden mit den Prototypen. Er leistet, was man von einem Traktor in dieser PS-Klasse gewöhnlich erwartet“, freut sich Seide, „der zieht gut, beschleunigt normal und fährt sich ohne Komfortverlust.“ Auch das Betanken unterscheidet sich von dem mit konventionellen Kraftstoffen kaum. Einzig allein, einen kleinen Wermutstropfen gibt es dennoch: Das Tankvolumen reicht sicherlich noch nicht aus, um mit althergebrachten Verbrennungs-Antrieben mithalten zu können. „Na ja, wenn es nun gar keine Nachteile gäbe, dann wäre ja schon jetzt alles perfekt“, antwortet Klaus Senghaas, Unternehmenssprecher von New Holland in Deutschland, gelassen auf den Einwand. „Ich denke, dass wir in dieser Entwicklungsphase auch dafür noch eine Lösung finden werden“, sagt der Sprecher und verweist auf das Führerdach, wo es noch genügend Platz für einen zusätzlichen Tank gäbe. „Wenn der Prototyp fertig entwickelt ist, dann würde er gut zu uns passen“, blickt Seide auf seiner Biogasanlage im Gewerbegebiet der Stadt Dannenberg in die nahe Zukunft. „Die Technik ist schon da, jetzt muss die Politik nur noch“, fordert Seide ein klares Bekenntnis für die Nutzung von Biogas in Autos, Traktoren und Lkws. Und düst los, um den mit ausgegorener Gülle befüllten Tankwagen zur Lagune zu bringen.

Nach Aussage von Senghaas soll der mit Methan fahrende Traktor T6.140 schon im Laufe dieses Jahres in Serie produziert werden. Bis dahin will man noch das stufenlose Getriebe an den sechszylindrigen Gasmotor anpassen. Würde die ambitionierte Zeitachse tatsächlich eingehalten werden, dann verwirklicht sich für den Präsidenten des Fachverbandes Biogas mit dem Gefährt aus dem Hause Fiat die langehegte Hoffnung, dass dem Kraftstoff Biogas (endlich) ein erster Einstieg in den Markt der Nutzfahrzeuge eröffnet.

Zusätzliche Wertschöpfung im ländlichen Raum
Ganz abgesehen davon liesse sich mit einer solchen neuen Traktoren-Generation zusätzliche Wertschöpfung im ländlichen Raum erzielen. Der alte grüne Traum einer energieautarken Farm wäre damit möglich. Zumal derzeit eigentlich nur mit Biomethan die im Raum stehenden Forderungen nach Emissionsreduzierungen im Agrarsektor realisieren. „Unser Traktor emittiert nahezu keine Klimagase“, wirbt denn auch Senghaas offensiv für das eigene Model. Nach Angaben von New Holland liegt die CO2-Reduzierung bei rund 90 Prozent im Vergleich zu gleichgrossen Traktoren mit konventionellem Dieselantrieb. Vorausgesetzt allerdings, dass das eingesetzte Methan auch aus Biogas (Biomethan) gewonnen wird.

Bahnbrechende klimaschonende Standards
Tatsächlich setzt New Holland, das aktuell im deutschen Traktorenmarkt einen Anteil von sieben Prozent hat, mit seiner Technologie im internationalen Traktorenmarkt bahnbrechende klimaschonende Standards. Das müsste die Mitwettbewerber neu herausfordern. Gerade weil es in Zeiten verhältnismässig niedriger Dieselpreise um die Neuentwicklung von Antrieben auf der Basis von Biokraftstoffen, wie es der Hersteller John Deere mit der aufwändigen Entwicklung eines mit Pflanzenöl angetriebenen Motors schon praktiziert hat, ziemlich still geworden. Aber auch die vor einigen Jahren unselig verquer geführte Diskussion um „Tank oder Teller“ hat gute Ansätze ins Abseits getrieben. Daher ist es um die klimafreundliche Weiterentwicklung von neuartigen Antriebssystemen in der gesamten Landtechnik derart still geworden, dass sich selbst die VDMA Landtechnik aktuell nicht in der Lage hält, ein profundes Statement zu gasgetriebenen Traktoren abzugeben. Dies zeigt unmissverständlich deutlich, welchen untergeordneten Stellenwert dieses Thema hat. Oder ist es doch nur Ausdruck eines naiven Glaubens daran, dass es die allseits hofierte Elektromobilität bzw. Brennstoffzellentechnik schon in baldige Zukunft richten werde?

Selbstversorgung in der Landwirtschaft
Wie dem auch sei. Zumindest scheinen sich die Verbände aus Forst- und Landwirtschaft und Bioenergie inzwischen zusammengerauft zu haben. Sie gründeten im Mai 2016 eine Branchenplattform, „um die Verwendung von Biokraftstoffen bei Land- und Forstmaschinen zu fördern“. Im Fokus der von der Geschäftsstelle vom Bundesverband Bioenergie e.V. (BBE) und dem Bundesverband Dezentraler Ölmühlen und Pflanzenöltechnik e.V. (BDOel) betreuten Plattform, steht die Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit für Biodiesel (DIN EN 14214), Rapsölkraftstoff (DIN 51605), Pflanzenölkraftstoff (DIN 51623) sowie eben auch Biomethan-Kraftstoff (CNG – DIN 51624). „Ziel ist es, Biokraftstoffen im Landwirtschafts- und Forstbereich eine klare Perspektive zu geben. Das ‚Haferprinzip’, mit der Selbstversorgung in der Landwirtschaft, kann wieder Alltag werden“, so Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau und Vorsitzender der Branchenplattform zuversichtlich.

Steuerermässigung für Erdgas und Biomethan gefährdet
Ob Zuversicht allein reicht, bleibt abzuwarten. So beklagt auch die Deutsche Energie-Agentur (dena) in einem Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Verkehrsminister Alexander Dobrindt sowie an die Mitglieder des Bundestages, dass „durch den politischen Stillstand bei der Umsetzung des Energiesteuergesetzes die Steuerermässigung für Erdgas und Biomethan gefährdet ist.“ Weiter heisst es in dem Schreiben der dena an die Politik: „Erdgas und Biomethan sind derzeit die wettbewerbsfähigsten und bereits für alle Verkehrsmittel verfügbaren alternativen Kraftstoffe, um die Klima- und Umweltemissionen des Verkehrs kurzfristig und spürbar zu reduzieren.“ Deshalb insistiert die dena „ein rasche Verlängerung der Steuerermässigung für Erdgas und Biomethan als Kraftstoff über 2018 hinaus.

Europäische Test-Tour bis zum Frühjahr 2017
Unabhängig vom politischen Diskurs in Berlin oder anderswo dreht der T6.180 weiter seine Testrunden und liefert wichtige Motorenwerte aus der Praxis direkt an die Turiner Entwicklungsabteilung der Fiat-Konzernzentrale gesendet. Nach dem Praxiseinsatz im Wendland wird die blaue Hoffnung nach Dänemark weitergereicht, von wo aus dann die europäische Test-Tour bis zum Frühjahr 2017 weiter fortgesetzt werden soll. Neben Deutschland und den skandinavischen Ländern identifiziert New Holland auch Italien und England als aussichtsreiche nationale Märkte. Allzu euphorische Prognosen mag sich Klaus Senghaas aber nicht geben: „Die Nachfrage ist letztlich eine Frage des Marktes.“ Und der Markt hängt natürlich davon ab, wie die Politik tickt. Auf jeden Fall, so versichert zumindest der Unternehmenssprecher von New Holland, werde der 180-PS-Traktor wegen seines CNG-Antriebs nicht teurer als vergleichbare Modelle seiner Grössenklasse. Das hört Horst Seide natürlich gerne, wie sicherlich genauso viele seiner Berufskollegen, die in Zeiten niedriger Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse und gleichzeitig steigenden Verpflichtungen für den Klima, Boden und Gewässerschutz arg in die Bredouille geraten. Daher ist das rollende Blau für die grüne Branche so etwas wie ein kleiner Hoffnungsträger.

©Text: Dierk Jensen

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