30. Mär 2016

Fragt man die gleichen Zielgruppen im MuKEn-Umfeld nach den Gründen, weshalb nicht nach einem Minergie-Standard gebaut wurde, zeigt sich: Es waren primär die befürchteten Mehrkosten und das Vermeiden einer Lüftungsanlage. Grafik: BFE

Gewichtete EKZ [kWh/m
2].Die Boxen werden nur dargestellt, wenn mindestens fünf Gebäude in der jeweiligen Untergruppe vorhanden sind. Darstellung ohne Ausreisser. Weitere Erklärungen siehe Text rechts. Grafik: BFE

Fragt man bei den gleichen Zielgruppen im MuKEn-Umfeld nach den Gründen, weshalb nicht nach einem Minergie-Standard gebaut wurde, zeigt sich: Es waren primär die befürchteten Mehrkosten und das Vermeiden einer Lüftungsanlage. Grafik: BFE

BFE: Gebäudestandards in der Praxis evaluiert

(BFE) Das Bundesamt für Energie (BFE) führte erstmals eine breit angelegte Erfolgskontrolle zum Bauen mit Minergie und gesetzlichen Baustandards durch. Die nun vorliegende Studie ermittelte den tatsächlichen Energieverbrauch von rund 200 unterschiedlichen Gebäuden. Ergebnis: Die Planungswerte stimmen nur teilweise mit den Energieverbrauchswerten in der Praxis überein. Besonders auffällig ist diese Diskrepanz bei neuen oder umgebauten Mehrfamilienhäusern. Die Gründe dafür sind vielfältig.


Ziel der BFE-Studie war es zu prüfen, inwiefern die Planungswerte mit den tatsächlichen, gemessenen Energieverbrauchswerten übereinstimmen. Untersucht wurde der jährliche Energieverbrauch im Verhältnis zur Energiebezugsfläche von 214 Objekten, die nach Minergie, Minergie A und Minergie P oder gesetzlichen Baustandards gebaut oder saniert wurden. Die Planungswerte wurden bei Einfamilienhäusern und Umbauten, je nach Gebäudekategorie und Standard, im Betrieb unterschiedlich gut eingehalten. Mehrheitlich nicht eingehalten wurden sie bei neuen und umgebauten Mehrfamilienhäusern.

Funktions- und Einstellungsprobleme
Als mögliche Gründe für die zahlreichen Überschreitungen der Planungswerte werden von den Studienautoren Funktions- und Einstellungsprobleme sowie ein tiefer Wirkungsgrad der Heizung genannt. In einzelnen Gebäude wurde hingegen weniger Energie verbraucht als die Planungswerte vorsahen. Die grossen Abweichungen der Planungswerte von tatsächlichen Energieverbrauch sind somit auch stark auf das Verhalten der Gebäudenutzer zurückzuführen.

Zufriedene Minergie-Gebäudebesitzer
Die Studie untersuchte zudem qualitative Aspekte von Minergie: Die Zufriedenheit der Bauherrschaften, die nach Minergie bauen, ist gross, wie eine Online-Umfrage bei Architekten und Bauherrschaften zeigt. Knapp vier von fünf Bauherrschaften würden auch heute wieder nach dem gleichen Minergie-Standard bauen. Laut der Umfrage dient das Qualitätslabel Minergie als Verkaufsargument. Gespräche mit 50 Experten haben allerdings gezeigt, dass Minergie-Gebäudestandards an Vorsprung eingebüsst haben, weil auch beim konventionellen Bauen technologische Fortschritte erzielt wurden - nicht zuletzt dank Minergie.

Nutzende von Minergie-Liegenschaften zeigten sich in einer weiteren Online-Umfrage als zufrieden, was Schallschutz, Schutz vor Zugluft und Schutz vor Kochgerüchen betrifft, aber empfanden die Luft in ihren Räumen im Winter häufig als zu trocken. Das Zusammenspiel von Energieeffizienz und Nutzerbedürfnissen ist noch genauer zu analysieren.

Aufgrund der Resultate will EnergieSchweiz gemeinsam mit der dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA), den Gebäudetechnikverbänden und weiteren Marktakteuren den Bereich Betriebsoptimierung weiterentwickeln und unterstützen.

Nutzer- oder Betriebseinflüsse
Das Minergie-Label wird aufgrund von planerischen Daten, nicht aufgrund des effektiven Energieverbrauchs im Betrieb erteilt. Die im Projekt festgestellten Abweichungen bedeuten nicht, dass die entsprechenden Gebäude den Standard nicht einhalten, sondern dass z. B. wegen Nutzer- oder Betriebseinflüssen die Planungswerte überschritten werden. Ob allenfalls bauliche Mängel mitverantwortlich sind für die Überschreitung der Grenzwerte, wurde im Projekt nicht untersucht. Die Studie gibt jedoch Hinweise darauf, dass der nicht optimale Betrieb der Gebäudetechnik zu Überschreitungen führt.

Online-Befragung
Die untersuchten Gebäude wurden über die Online-Befragung von Bauherrschaften rekrutiert, welche sich zur Auswertung bereit erklärt hatten. Ergänzt wurde das Sample insbesondere bei den MuKEn-Gebäuden um Objekte von grösseren Immobilienportfolioeigentümern/innen, die spezifisch kontaktiert wurden. Aufgrund der etwas anderen Grössenstruktur des MuKEn-Samples sind bezüglich Vergleichbarkeit mit den Minergie-Samples gewisse Vorbehalte zu machen, die im Bericht referiert werden.

Energieverbrauchsanalyse bei 214 Gebäuden
Die Energieverbrauchsanalyse bei 214 Gebäuden (Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser und Verwaltungsbauten) zeigt, dass die Einfamilienhäuser in allen untersuchten Minergie-Standards (Minergie Neubau, Minergie Umbau und Minergie-P Neubau2) die Grenzwerte im Median3 einhalten. Die Anforderungen für Minergie-P-Neubauten werden sowohl von den untersuchten Einfamilienhäusern als auch von den Verwaltungsbauten eingehalten. Die gewichtete Energiekennzahl der Minergie-P Mehrfamilienhäuser liegt im Median nur ganz knapp über dem Grenzwert. Auch bei den Minergie- Umbauten wird der Grenzwert in allen Gebäudekategorien eingehalten. Mehrheitlich nicht eingehalten werden im untersuchten Sample die Anforderungen von den neuen Minergie-Mehrfamilienhäusern, von den neuen Minergie-Verwaltungsbauten sowie von den MuKEn-Mehrfamilienhäusern.

Als Gründe für die zahlreichen Überschreitungen insbesondere bei den Minergie-Neubau-Mehrfamilienhäusern und den MuKEn-Neubau- und -Umbau-Mehrfamilienhäusern werden in vielen Fällen Funktions- und Einstellungsprobleme sowie ein tiefer Wirkungsgrad der Heizung vermutet. Bei den Einfamilienhäusern wurde aufgrund der Beobachtungen bei den Begehungen oft die als sehr sparsam wahrnehmbaren Bewohner/innen als Ursache für das mehrheitliche Unterschreiten der Grenzwerte vermutet.

Erklärung zur Grafik links

Die Abbildung links zeigt die gewichtete Energiekennzahl pro Standard und Gebäudekategorie. Ebenfalls eingetragen sind die Grenzwerte pro Standard. Weil im Sample der Minergie-Umbauten einige wenige Objekte enthalten sind, welche vor 2009 zertifiziert wurden, wird bei diesen auch der damalige Grenzwert angegeben. Bei den MuKEn-Gebäuden ist der jeweilige Grenzwert abhängig von der Gebäudehüllzahl des Objekts. Deshalb hat jedes Gebäude einen individuellen Grenzwert. Die Spanne der beobachteten Grenzwerte ist mit einer gestrichelten Linie markiert.

Nutzerverhalten entscheidend
Die Energieverbrauchsdaten der untersuchten Objekte basieren auf den Unterlagen, welche von den Studienteilnehmenden zur Verfügung gestellt wurden. Für die Berechnung der gewichteten Gebäudeenergiekennzahl standen im Idealfall die Daten zum Endenergieverbrauch pro Jahr für Heizung, Warmwasser und gegebenenfalls Kühlung aufgeschlüsselt nach Energieträger zur Verfügung. Die Angaben basierten auf Rechnungen oder Ablesewerten über den Zeitraum von mindestens zwei Jahren. Zudem wurde der Jahresstromertrag der Photovoltaikanlagen erfasst. Der Endenergieverbrauch wurde mit den nationalen Gewichtungsfaktoren pro Energieträger zur Ermittlung der gewichteten Energiekennzahl pro Quadratmeter Energiebezugsfläche verrechnet. Bei sämtlichen Objekten fand eine Begehung statt. An der Begehung wurden die Verbrauchsangaben plausibilisiert. Zudem konnte vor Ort der Energiebedarf zusätzlicher zu berücksichtigender Verbraucher wie Lüftungsanlagen, Hilfsbetriebe oder Kühleinrichtungen erfasst, Fragen zu energierelevanten Betriebsparametern, dem Nutzerverhalten und den Nutzungen im Gebäude geklärt und die Angaben zur Energiebezugsfläche plausibilisiert werden.

Vier von fünf Bauherrschaften
Die Energieverbrauchsanalyse wurde ergänzt durch eine breit angelegte Online-Befragung verschiedener Zielgruppen. Als erstes wurden die Antworten von 990 Bauherrschaften und 260 Architekt/innen, die mit Minergie gebaut hatten, mit denjenigen von 262 Bauherrschaften und 78 Architekt/innen von Liegenschaften verglichen, die auf konventionelle Art (MuKEn) erstellt wurden. Dabei wurde deutlich, dass die Bauherrschaften und Architekt/innen im Minergie-Umfeld eine energiebewusstere Einstellung mitbringen als die Antwortenden aus dem MuKEn-Umfeld. Der Planungs- und Bauprozess wird von den Betroffenen bei Minergiebauten verglichen mit MuKEn-Gebäuden in verschiedener Hinsicht als aufwändiger erlebt. Die Zielpersonen aus dem Minergie-Umfeld stufen jedoch den Qualitäts- und Innovationsgewinn bei Minergiebauten gegenüber konventionellen Gebäuden höher ein als diejenigen aus dem MuKEn-Umfeld. Man kann dies als eine Art Rechtfertigung für den erhöhten Aufwand betrachten. Jedenfalls würden knapp vier von fünf Bauherrschaften auch heute wieder nach dem gleichen Minergie-Standard bauen, nur ganz wenige überhaupt nicht mehr in Minergie.

Hohe Zufriedenheit mit Minergie
Dies ist ein klares Indiz für eine hohe Zufriedenheit der Bauherrschaften mit Minergie. Die hohe Zufriedenheit bei den Minergie-Bauherrschaften findet ihre Entsprechung bei den aktuellen Nutzenden. Auch sie wurden online befragt. 738 aus Minergie- und 302 aus MuKEn-Bauten antworteten.

Im Vergleich erweisen sich Nutzende aus Minergie-Liegenschaften als zufriedener was Schallschutz, Schutz vor Zugluft und Schutz vor Kochgerüchen betrifft. Hingegen empfinden sie die Luft in ihren Räumen im Winter häufiger als zu trocken. In Vielem sind die Antworten der Nutzenden aus Minergie- und MuKEn-Gebäuden praktisch deckungsgleich. Insbesondere haben beide Gruppen ähnliche Vorstellungen vom Nutzen von Liegenschaften, etwa was den Stellenwert des Energiesparens betrifft.

Auch bei den Betreibenden decken sich viele Antworten aus dem Minergie-Umfeld (n=869) mit denjenigen aus dem MuKEn-Umfeld (n=226). Namentlich verfügen sie über einen ähnlichen Informationsstand und ein ähnliches selbstberichtetes Verhalten:

  • Je nicht ganz zwei Drittel unter ihnen hat eine lückenlose Dokumentation für technische Anlagen erhalten, sei es schriftlich oder mündlich.
  • Bei denjenigen, die über keine lückenlose oder gar keine Dokumentation verfügen, sind die Bedürfnisse im Minergie- und im MuKEn-Umfeld ähnlich gelagert, mit einer Ausnahme: Bei MuKEn besteht praktisch kein Bedürfnis nach Informationen zur Lüftungswartung und – einstellung, was nicht erstaunt, weil dort meistens keine kontrollierte Lüftung vorhanden ist.
  • Mit den technischen Anlagen beschäftigen sich die meisten befragten Betreibenden von MuKEn-Gebäuden (81%) wie auch bei Minergiebauten (87%) selbst.

Die Online-Umfrage wurde ergänzt durch persönliche qualitative Gespräche mit 51 Personen. Diese Gespräche zeigten nicht zuletzt auf, dass Minergie an Vorsprung eingebüsst hat, weil auch beim konventionellen Bauen technologische Fortschritte erzielt wurden. Ferner wurde in diesen Gesprächen deutlich, dass die Marke Minergie aufgrund ihres Qualitätsanspruches auch ein nicht unwichtiges Verkaufsargument darstellt.

Schlussbericht Evaluation Gebäudestandards 2014-2015
>>

Text:Bundesamt für Energie

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