08. Mär 2016

Die Nutzung der Endkundenflexibilität stand in der Schweiz bisher nicht im Fokus als ein wichtiger Baustein für eine sichere und effiziente Energieversorgung. ©Grafik: Multi-Client

V.r.n.l.: Daniel Clauss (Elektrizitätswerks des Kantons Schaffhausens), Arthur Janssen (Swissgrid), Oliver Breig (EnAdvice), Daniela Decurtins (VSG), Frédéric Gastaldo (Swisscom Energy Solutions). Bild: T. Rütti

In der Studie wird ein 12-Punkte-Programm mit den Schwerpunkten Transparenz, Markteffizienz Diskriminierungsfreiheit und Integration empfohlen. ©Grafik: Multi-Client

Stromverbraucher können mit der Lastverschiebung, der dezentralen Stromerzeugung und Speicherung Flexibilität in der Grössenordnung der gesamten Kapazität der Schweizer Speicherwasserkraftwerke, sprich bis zu 9 GW, bereitstellen. ©Grafik: Multi-Client

Energiesysteme: Neue Studie zur Endkundenflexibilität

(©TR) Die Flexibilität der Stromverbraucher, etwa in Form von Lastverschiebung sowie dezentraler Stromerzeugung und Speicherung, könnten volkswirtschaftlich vorteilhafter sein, als der Bau neuer Kraftwerke bzw. der Ausbau der Stromnetze. Zu diesem Schluss kommen Schweizer EVU, die gemeinsam mit dem Verband der Schweizerischen Gasindustrie VSG eine Studie in Auftrag gegeben habe.


Schweizer Energieunternehmen (EVU) und Organisationen – Elektrizitätswerk des Kantons Schaffhausen, Swisscom Energy Solutions, Swissgrid, der Verband der Schweizerischen Gasindustrie VSG – haben in einer gemeinsamen Studie das Potenzial und die Nutzung der Flexibilität der Schweizer Stromverbraucher näher untersucht und dabei nicht nur, aber auch positive oder zumindest zuversichtlich stimmende Erkenntnisse gewonnen. Die im Rahmen der Studie untersuchten Einsatzmöglichkeiten für die endkundenseitige Flexibilität haben offenbar gezeigt, dass soweit keine technischen Hemmnisse vorhanden sind.

Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit
In der Schweiz ist laut Studie ein grosses technisches Potenzial an Flexibilitätsmöglichkeiten bei den Stromverbrauchern vorhanden. Und auch die Bereitschaft, dieses Potenzial noch besser zu nutzen, ist anscheinend durchaus vorhanden, wenn auch in unterschiedlich starker Ausprägung. Optimierungsmöglichkeiten bieten die Kommunikation und die Meinungsbildung. Sowie last but not least die Chance, speziell auf politischer Ebene zu agieren und reagieren, etwa in dem bei Vernehmlassungen dezidiert Stellung bezogen und/oder Gegensteuer gegeben wird. Will heissen: Bündelung aller Kräfte, Mobilisierung im Parlament und Mobilisierung in den Verbänden und Organisationen. Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit heissen die Zauberworte, die es richtigen sollen.

Bislang nicht im Fokus und nicht als wichtiger Baustein
Eines wurde an der Medienkonferenz nicht verschwiegen: Die Nutzung einer Endkundenflexibilität stand bislang nicht im Fokus und galt somit landläufig auch nicht als wichtiger Baustein für eine sichere und effiziente Energieversorgung. Unter das Stichwort Flexibilität fallen im vorliegenden Fall Aspekte wie etwa die Gleichzeitigkeit von Produktion und Verbrauch, die Sicherstellung und der Ausgleich des Netzgleichgewichts durch Abruf vorgehaltener Flexibilität, aber auch verschiedene Flexibilitätsoptionen, die zur Verfügung stehen. Endkunden sollten durchaus zur Nutzung und Vermarktung ihrer Flexibilität bereit sein, sofern ihre Bedürfnisse entsprechend befriedigt würden. Als da wären: Geld sparen und Geld verdienen, von einem Zusatznutzen profitieren sowie adäquate Produkte und eine entsprechende Hardware nutzen können.

Die Hemmnisse liegen
vorab in der aktuellen Energiepolitik und der Regulierung

  • Die Tarifstrukturen bieten keine Anreize für die Nutzung der Flexibilität
  • Es bestehen Interessenskonflikte bei der Rundsteuerung
  • Die notwendigen Messeinrichtungen fehlen
  • Die Endkundenflexibilität wird nicht gefördert und Wärme-Kraft-Kopplung (WKK) werden benachteiligt
  • Die Endkunden sind an Bilanzgruppe gebunden.

Hemmnisse sind aber auch im Markt auszumachen

  • Das Marktdesign bietet kaum Anreize für die Nutzung der Flexibilität
  • Die Flexibilität hat einen geringen finanziellen Wert
  • Es fehlt an Informationen über Flexibilitätsbedarf und Preissignale
  • Es sind keine Produkte für Flexibilität vorhanden

Transparenz, Markteffizienz, Diskriminierungsfreiheit, Integration
In der Studie wird ein 12-Punkte-Programm mit den Schwerpunkten Transparenz, Markteffizienz Diskriminierungsfreiheit und Integration empfohlen. Hauptziel ist der Abbau beziehungsweise die Beseitigung der festgestellten Hemmnisse. Mit diesen Massnahmen sollte die erforderliche Transparenz geschaffen, die Markteffizienz erhöht und die Diskriminierungsfreiheit sichergestellt werden. Zudem: Die Integration der Flexibilität der Schweizer Stromverbraucher in das Energiesystem. Profitieren davon könnten laut einer Quintessenz die Stromverbraucher, die gesamte Energiebranche sowie die Technologieanbieter.

  • Transparenz
    Für die Nutzung der Endkundenflexibilität braucht es den Zugang zu den aktuellen Marktinformationen sowie einheitliche Marktbedingungen. Erforderlich dazu:
    1) Eine Plattform für Strommarktdaten.
    2) Transparenz beim Einsatz der Rundsteuerungen.
    3) Die Einführung von Standards für den Einsatz der Endkundenflexibilität.
  • Markteffizienz
    Um die Endkundenflexibilität wirtschaftlich einsetzen zu können, sind laut Studie Anpassungen im Marktdesign und bei den Marktstrukturen vonnöten:
    4) Das Marktdesign ist so anpassen, dass die Flexibilität ihren wahren Wert erhält.
    5) Die Endkundentarife sind so anpassen, dass die Flexibilitätsvermarktung auch einen Anreiz aufweist.
    6) Die Einführung des NOVA-Prinzips auf allen Netzebenen.
    7) Einen diskriminierungsfreien Zugriff auf Steuerungs-/Messeinrichtungen schaffen.
  • Diskriminierungsfreiheit
    Um Benachteiligungen zu beseitigen, braucht es die Gleichbehandlung von Endkundenflexibilität und konventionellen Erzeugungsanlagen:
    8) Es sind Märkte zur Nutzung der Endkundenflexibilität zu öffnen und zu entwickeln.
    9) Spielregeln sollen die Nutzung der endkundenseitigen Flexibilität definieren.
    10) Die Erweiterung von bestehenden Regelpooling-Modellen ist zu prüfen.
  • Integration
    Damit das vorhandene Potenzial an endkundenseitiger Flexibilität genutzt wird, muss diesem auch eine gewisse Marktstellung zugesprochen werden:
    11) WKK als Flexibilitätsoption ist in die Energiepolitik zu integrieren.
    12) Die Endkundenflexibilität ist mit anderen Flexibilitätsoptionen gleichzustellen.

Vorteile der Endkundenflexibilität aus verschiedener Sicht betrachtet

  •  …aus Sicht der Übertragungsnetzbetreiber: Eine zusätzliche Nutzung der Endkundenflexibilität erhöht die Netzstabilität. Die Endkundenflexibilität bietet eine zusätzliche Opportunität für ein effizientes Stromsystem. Solar- und Windenergie sollten sich einfacher ins Stromsystem integrieren lassen.
  • …aus Sicht der Energieversorger und Netzbetreibern: Durch die Nutzung der endkundenseitigen Flexibilität lässt sich die tägliche Strombeschaffung optimieren. Durch den Einsatz der Endkundenflexibilität können den Kunden attraktive Preise für die Netznutzung angeboten werden. Endkundenflexibilität bietet eine zusätzliche Option, um Spitzen im Netz zu reduzieren. Mit entsprechenden Produkten können Stromkunden an einen Energieversorger gebunden werden. Endkundenflexibilität ist schliesslich auch eine Voraussetzung für das Real-Time-Pricing.

  • …aus Sicht der Gasbranche: Die dezentrale Stromerzeugung wird immer wichtiger. Wärme-Kraft-Kopplung (WKK) kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Im Winter, wenn Strom importiert werden muss, können WKK-Anlagen die Versorgungssicherheit erhöhen. WKK-Anlagen tragen in den Wintermonaten auch zur Stabilität des Stromnetzes bei. Die Konvergenz der Energienetzte schafft neue Möglichkeiten, das Energiesystem in Richtung Erneuerbarkeit umzubauen. Das Gasnetz eignet sich zudem bestens, um erneuerbare Energie zu speichern.

  • …aus Sicht neuer Marktakteure: Rund um die Endkundenflexibilität lassen sich neue Geschäftsmodelle entwickeln. Innovative technische Lösungen zur Nutzung der Endkundenflexibilität soll im In- und Ausland ein Wachstumsfeld eröffnen.

Eine Voraussetzung für Innovation und Wachstum
Für die Autoren der Studie wäre das hier präsentierte 12-Punkte-Programm eine Voraussetzung für Innovation und Wachstum, wie am Mediengespräch in Zürich betont wurde. «In der Flexibilität der Stromverbraucher schlummert ein grosses Potenzial» - so die einhellige Auffassung der Protagonisten. Und: Die Experten sehen in der Flexibilität einen Schlüssel und Erfolgsfaktor für das zukünftige Energiesystem. Die Nutzung der Flexibilität der Stromverbraucher in Form von Lastverschiebung sowie dezentraler Stromerzeugung und Speicherung wäre demzufolge volkswirtschaftlich vorteilhafter als der Bau neuer Kraftwerkwerke und der Ausbau der Stromnetze.

Red und Antwort standen den Journalisten Daniel Clauss, Mitglied der Geschäftsleitung des Elektrizitätswerks des Kantons Schaffhausens, Arthur Janssen, Leiter Market Development & Design von Swissgrid, Oliver Breig, Managing Director von EnAdvice, Daniela Decurtins, Direktorin des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie VSG, sowie Frédéric Gastaldo, CEO von Swisscom Energy Solutions.

Zusammenfassung Multi-Client-Studie Endkundenflexibilität >>

©Text: Toni Rütti, Redaktor ee-news.ch

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