13. Nov 2012

Die Bauern im Zuger Berggebiet sind Pioniere. Als erster Betrieb in der Deutschschweiz produziert sie aus Siebresten von Baum-und Strauchschnitt eine hochwertige Kohle. Bild: Klimastiftung

Klimastiftung: «Wunderkohle» für Landwirtschaft und Klima

(Klimastiftung) Die Bauern im Zuger Berggebiet sind Pioniere. Als erster Betrieb in der Deutschschweiz produziert ihre gemeinsame Verora GmbH aus Siebresten von Baum-und Strauchschnitt aus Siedlungen und aus der Landwirtschaft eine hochwertige Kohle.


Diese bringt in der Tierhaltung sowie als Bodenverbesserer grosse Vorteile und weckt das Interesse von Forschern der ZHAW und weiterer Hochschulen. Gleichzeitig kann sie Kohlenstoff langfristig im Boden speichern. Dies birgt ein grosses Potenzial im Kampf gegen die Klimaerwärmung und hat die Klimastiftung Schweiz dazu veranlasst, die moderne Verkohlungsanlage im zugerischen Neuheim mit einem aussergewöhnlich hohen Betrag von 180'000 Franken zu fördern.

Pflanzenkohle heisst das Zauberwort der Zuger Landwirte Fredy Abächerli und Franz Keiser. Die beiden betreiben zusammen mit anderen Bauern aus der Region die erste grosse Pflanzenkohle-Anlage in der Deutschschweiz. Holzreiche Pflanzenabfälle, insbesondere Baum- und Strauchschnitt aus der Region werden hier unter besonderen Bedingungen verkohlt. «Anders als bei einer Verbrennung bleibt ein grosser Teil des Kohlenstoffs in der Kohle gebunden», sagt Fredy Abächerli. Die Anlage hat ein grosses Potenzial für den Kampf gegen den Klimawandel, ist die Klimastiftung Schweiz überzeugt. Vincent Eckert, Geschäftsführer der Stiftung, erklärt: «Durch die Pflanzenkohle kann CO2 nicht nur eingespart, sondern aus der Luft zurück in den Boden transportiert werden.»



Ein Forschungsprojekt etabliert sich
Die Anlage in Neuheim ist ein Prototyp der deutschen Firma Pyreg. Seit der Inbetriebnahme im Frühjahr 2012 wurden ständig Teile ausgewechselt und Einstellungen optimiert. Gleichzeitig mussten Fredy Abächerli und Franz Keiser um diverse Bewilligungen kämpfen. Einzig eine Bewilligung für den Verkauf von Pflanzenkohle als Bodenverbesserer steht noch aus. Sie wird im Dezember erwartet. Damit ist der Betrieb der Anlage gewährleistet. «Wir hatten durch die ständigen Veränderungen und Verbesserungen der Anlage und auch durch die Abklärungen mit den Behörden einen deutlichen Mehraufwand», sagt Fredy Abächerli. Damit die Verora GmbH den Schritt vom Forschungsprojekt zur rentablen Anlage machen kann, sprach ihr die Klimastiftung Schweiz 180'000 Franken Unterstützung zu. «Das ist eine Investition in die Zukunft», sagt der Geschäftsführer Vincent Eckert und lobt die Landwirte der Verora GmbH: «Die Zuger Bauern leisten Pionierarbeit.»

Ziel der Verora GmbH ist, den Bauern des Zuger Berggebiets einen Nebenverdienst zu ermöglichen. Neben hochwertigem Kompost und Pflanzenkohle stellen die Bauern auch getrocknete Holzhackschnitzel zum Heizen her. Dazu nutzen sie die Abwärme der Verkohlungsanlage. «Weil die Holzschnitzel getrocknet werden, bevor sie vermodern können, liefern sie mehr Energie und ermöglichen effizientes Heizen», erklärt Fredy Abächerli.

Boden als Kohlenstoff-Speicher
Setzt sich die Pflanzenkohle als Bodenzusatz durch, ist damit ein Mittel gefunden, um gezielt CO2 aus der Atmosphäre zu filtern. Werden Bäume und Sträucher verbrannt, entweicht CO2 in die Luft. Wenn sie vermodern, entsteht zum Teil auch Methan, das dem Klima 21 mal stärker schadet als CO2. In der Pflanzenkohle bleibt der Kohlenstoff gebunden. Gleichzeitig entsteht eine poröse Kohlestruktur, die wie ein Schwamm Flüssigkeiten und Nährstoffe aufsaugen und wieder abgeben kann.

Die Landwirte nutzen die Pflanzenkohle mehrfach. Zuerst wird sie mit Nährstoffen «aufgeladen». Beispielsweise saugt die Kohle als Einstreu im Kuh- oder Hühnerstall die Ausscheidungen der Tiere auf. «Wir lösen damit zwei Probleme: Erstens stinkt es weniger, weil Pflanzenkohle flüchtige Gase wie Ammoniak bindet. Andererseits verlieren wir weniger Nährstoffe aus den Hofdüngern», erklärt Fredy Abächerli. Franz Keiser setzt die Kohle bereits bei Kälbern und Rindern ein und macht damit gute Erfahrungen. Die aufgeladene Pflanzenkohle wird dann dem Boden beigefügt.

Dünger der Ureinwohner am Amazonas
Die Kohle verhindert, dass Nährstoffe aus dem Boden gewaschen werden. Sie ist also ein Bondenverbesserer, der aber selbst nicht aufgebraucht wird, sondern im Boden bestehen bleibt. Die mit Kohlen versetzte Erde, genannt Terra Preta, hat schon vor über 1000 Jahren die Landwirtschaft revolutioniert. Ureinwohner im Amazonasbecken brachten auf grossen Flächen Kohle aus und konnten ihre Erträge dadurch wesentlich steigern. Das Wissen um die Terra Preta ging mit dem Untergang der Urbevölkerung aber wieder verloren.

In den nächsten drei Jahren erforscht die Fachstelle für Hortikultur der ZHAW Wädenswil - wenn ihr die entsprechenden Gelder vom Bund zugesprochen werden - die Möglichkeiten der Kohle für den Pflanzenanbau und Klimaschutz. Die Hochschule arbeitet dazu mit den Zuger Bauern und den Abnehmern der Kohle zusammen. Die Universitäten in Giessen und Bayreuth in Deutschland sowie diverse weitere internationale Hochschulen betreiben ähnliche Studien mit Pflanzenkohle-Anlagen.

Alex Mathis, Dozent am Institut für Hortikultur der Hochschule ZHAW in Wädenswil, sieht in der Pflanzenkohle eine grosse Chance für die Fruchtbarkeit der Böden. «Wir können damit Nährstoffe im Boden behalten und der Erosion entgegenwirken», sagt er. Gleichzeitig mahnt der Wissenschaftler zur Vorsicht: «Wir wollen gemeinsam mit anderen Forschungsinstituten abklären, wie Pflanzenkohle eingesetzt werden kann, was es dabei zu beachten gibt, an welche Grenzen wir stossen und wie wir unerwünschte Wirkungen ausschliessen können.» In ersten Voruntersuchungen wurde bereits festgestellt, dass die Aufladung der Pflanzenkohle mit Nährstoffen eine ganz wichtige Rolle spielt. «Wer leere Kohle in einen Blumentopf mischt, kann auch riskieren, dass diese Nährstoffe aus der Erde aufsaugt und der Pflanze damit vorerst entzieht», fasst Alex Mathis zusammen und gibt zu bedenken: «Pflanzenkohle ist kein Medikament, das man einfach über die Äcker streuen kann und dann ist alles gut. Man muss das ganze System in die Überlegungen einbeziehen.» Wenn hier aber die richtigen Wege gefunden werden, kann die Pflanzenkohle nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für den Klimaschutz eine grosse Hilfe sein.

Text: Klimastiftung Schweiz

1 Kommentare
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Ernst Frischknecht, Tann @ 24. Nov 2012 19:44

Wunderbar, wie sich die Forschung dem Pyrec system und der Terra Preta annimmt. Sicher liegt ein grosses Potenzial in der Versorgung der Böden mit Kohlenstoff. Mich beschäftigt aber auch die Frage, weshalb Böden mit unserer gegenwärtigen Kultivierungsmethode, sogar auch im Graskand, nach Kohlenstoff hungern . Ich stellte fest, dass in meiner kleinen Obstbaumanlage unter den Niederstamm-Baumreihen innerhalb 25 Jahren ein Humusaufbau von 5-10 cm statt gefunden hat. Wenn ich normale Obstbaumkulturen betrache, so liegt der Streifen unter den Bäumchen regelmässig tiefer als die Fläche zwischen den Baumreihen, also Humusabbau. Bevor es Silo und Heubelüftung gab, hatte man regelmässig zu wenig Eiweiss im Dürrfutter, weil man wetterbedingt oft erst Heuen konnte, wenn die Gräser schon reife Samen trugen.
Im Extremfall waren die reifen Gräser vergleichbar mit Stroh. Der moderne Bauer schneidet sein Heugras bevor die Gräser überhaupt ausgewachsen sind, und anschliessend alle 4 Wochen. Weil damit Gräser nie ins Stadium mit grossem Kohlenstofffgehalt kommen, verschwindet der früher natürlich anfallende Kohlenstoff aus dem Kreislauf. Werden Mais und andere Ackerfrüchte für die Biogasgewinnung benützt, so fehlt nachher im Gärrest ebenfalls der Kohlenstoff. Wir gehen also mit der modernen Landwirtschaft einem Humusabbau entgegen, der in seiner ganzen Tragweite noch nicht erkannt wird. Ob mit der Produktion von Holzkohle genügend Ersatz für den unbewussten Verlust durch unsere Moderne Kulturmethode produziert werden kann, wird sich weisen. Schön wäre, wenn die sich nun anbahnende Forschungsaktivität auch dem oben geschilderten Thema annehmen würde. Holzkohle ist ja nicht gratis, und was der Bauer nicht kaufen muss, ist schon verdient.

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