Dass dies möglich ist, zeigt eine Potenzialstudie, die an der gestrigen Tagung vorgestellt wurde. Basierend auf dieser Studie hat der Fachverband Swissolar sein 2-Quadratmeter-pro-Kopf-Ziel für 2035 definiert. Dass noch viel Arbeit auf die Branche wartet, zeigt ein Blick auf die aktuellen Zahlen: 2011 lag dieser Wert bei bescheidenen 0.13 m2. Mit der Umsetzung des Swissolar-Ziels kann 20 Prozent des Wärmebedarfs im Wohnbereich gedeckt werden. Erreicht werden soll dies mit einem Masterplan.
Die Studie
Im Auftrag des Bundesamtes für Energie hat die NET Nowak Energie & Technologie AG das Potenzial für Sonnenkollektoren im schweizerischen Wohngebäudepark abgeschätzt. Die Analyse zeigt, dass je nach Entwicklung bei der Energieeffizienz von Wohngebäuden und der Optimierung von Solarsystemen 30 bis 60 Prozent des Energiebedarfs für Raumwärme und Warmwasser durch Sonnenenergie gedeckt werden könnte. Bereits heute liesse sich der Wärmebedarf von mehr als einer halben Million typischer Wohngebäude (395‘000 Einfamilienhäuser und 85‘000 Mehrfamilienhäuser) mit herkömmlichen Solarsystemen zu mindestens 50 Prozent durch Sonnenenergie decken. Wird die Energieeffizienz von Wohngebäuden künftig deutlich verbessert, steigt das Potenzial der Wohnbauten mit einem solaren Deckungsgrad von mindestens 50 Prozent auf rund 900‘000 (EFH: 660‘000, MFH: 210‘000). Das ist mehr als die Hälfte der insgesamt 1,6 Millionen Wohngebäude.
Viel Strom einsparen und CO2-Ausstoss senken
Dieses enorme Potenzial will der Fachverband Swissolar schrittweise und mit einem klaren Ziel erschliessen. Swissolar-Präsident Roger Nordmann erklärte an der Solarwärme-Tagung: „Bis 2035 müssen in der Schweiz pro Einwohnerin und Einwohner 2 m2 Sonnenkollektoren auf Gebäuden installiert sein. Damit kann 20 Prozent des Energiebedarfs für Raumwärme und Warmwasser gedeckt werden, vorausgesetzt dass bis dann die Gebäude energetisch konsequent saniert werden.“ Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Energiestrategie 2050 des Bundesrates. Einerseits kann gemäss Swissolar durch die Entlastung von Elektroboilern und –heizungen über eine Milliarde Kilowattstunden Strom pro Jahr eingespart werden – was dem dreifachen Jahresstromverbrauch des ganzen Kantons Uri entspricht. Andererseits reduziert sich durch die solare Heizungsunterstützung der jährliche CO2-Ausstoss von fossilen Brennstoffen um rund 1.3 Millionen Tonnen.
Masterplan Solarwärme 2035
Roger Nordmann legte an der Solarwärme-Tagung in Luzern die wichtigsten Eckpunkte eines Masterplans dar, die aufzeigen, wie das Ziel von 20 Prozent Solarwärme im Wohnbereich bis 2035 erreicht werden kann. Dazu gehören: Eine Bildungsoffensive im handwerklichen Bereich, verbindliche Solarwärme-Ziele von Bund und Kantonen mit verbesserter Datengrundlage, gezielte Fördermassnahmen für grössere Solaranlagen vor allem in den Bereichen Mehrfamilienhäuser und Nahwärmenetze, Abbau von Hemmnissen für Hausbesitzer, Pflichtanteile für solar erzeugtes Warmwasser und die Intensivierung der Forschungsaktivitäten mit den Schwerpunkten Kostensenkung und Langzeitspeicherung.
Bildungsoffensive
Swissolar hat den Tagungsbesucher einen Bildungs- und Weiterbildungsmasterplan vorgelegt. Denn nur mit einer gezielten Aus- und Weiterbildung sind die Ziele von Swissolar auch zu schaffen. Markus Portmann, Vizepräsident sowie Verantwortlicher für Bildung im Vorstand von Swissolar, erwähnte, Kollektoren seien auch ein Teil der ganzen Gebäudehülle und müssten von dieser Branche auch entsprechend wahrgenommen werden. Viele Installateure seien übrigens nicht gewohnt, um Arbeiten auf dem Dach auszuführen. Daher sei es umso wichtiger, die Gebäudehüllebranche einzubeziehen.
Einzelne Vorträge von Lehrlingsbetrieben haben deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Lehrlinge mit einem durchschnittlichen Oberstufenabschluss schwer für die Ausbildung zum Installateur oder Heizungstechniker zu begeistern sind. Tatsache sei, dass die Tendenz eher hin zur Attestlehre gehe, sagte ein Ausbildner. Ein Vertreter des deutschen Bundesverbands für Solarenergie erklärte, in Deutschland werde mittelfristig mit einer Halbierung der Fachleute im Bereich Installateur, Heizungs- und Lüftungstechnik gerechnet. Deutschland, das die installierte Kollektorenfläche von heute 1.6 Millionen bis 2020 auf 3.6 Millionen Quadratmeter fast verdreifachen will, wird also ein ähnliches Problem zu lösen haben wie die Schweizer Solarthermiebranche.
Ausbildung zum Solarprofi
Doch auch wenn es heute im Lehrlingswesen schwer ist, Lehrlinge mit einem höheren Bildungsniveau für die Branche zu begeistern, so sieht es heute in der Weiterbildung im Bereich Solarthemie gut aus: Mit zwei Weiterbildungstagen kann sich ein Installateur heute als Solarprofi bei Swissolar qualifizieren. Mit fünf Tagen Weiterbildung kann sich ein Planer das Wissen für die Planung von grösseren Solarthermieanlagen erwerben und damit auch als Solarprofi-Planer anerkannt werden.
Hans Ruedi Schweizer, Direktor der Ernst Schweizer AG, Metallbau, äusserte sich an der Podiumsdiskussion differenzierter zur Bildungsfrage. Laut ihm wäre es von dringender Notwendigkeit, dass das Wissen über Solarenergie auf allen Ebenden der Ausbildungen, von den Lehren über die Hochschulen bis hin zu den Universitäten besser – oder überhaupt – vermittelt werde. Es braucht also in der gesamten Baubranche auch eine grösseres Wissen und ein grösseres Bewusstsein der Möglichkeiten der Solarenergie und im speziellen der Solarthermie.
Kompaktsysteme, auch für Mehrfamilienhäuser
Grossen Handlungsbedarf sehen die Solarthermie-Fachspezialisten auch beim Bau von Kollektoranlagen auf Mehrfamilienhäusern: Auch hier müssten die Systeme, wie bereits bei den Einfamilienhäusern systematisiert werden, um damit die Kosten zu senken. Denn gerade bei Mehrfamilienhäusern mit einem konstanten Warmwasserverbrauch machen Kollektoranlagen sehr viel Sinn. Vorbild dafür sind viele Genossenschaften im Kanton Zürich, die ihre Wohnbauten zum Teil konsequent mit Kollektor-Grossanlagen bestücken. Auch bei der Beheizung von Bürogebäuden liegt Potenzial brach. Längerfristig gibt es zudem das grosse ungenutzte Potenzial an solarer Prozesswärme in der Industrie zu realisieren. Rühmliche Beispiel gibt es bereits heute: So produziert der Kerzenhersteller Fischer Kerzen AG im luzernischen Root seit anfangs 2011 mit Unterstützung der Sonnenenergie Kerzen. Rund 30 Prozent der Wärme wird solar bereitgestellt. SRB aus Genf nahm 2010 die erste industrielle Kollektoren-Anlage auf dem Dach eines Bitumen-Produktionsbetrieb in Genf in Betrieb. Die Vakuumkollektoren erreichen auch bei diffusem Licht bis zu 300 Grad, bei hoher Sonneneinstrahlung sogar bis 400 Grad.
Architektonisches Element Solartechnik
Welche architektonische Vielfalt mit dem Einbezug der passiven Sonnenenergienutzung, der Kollektoren und der Photovoltaik verbunden ist, zeigte Beat Kämpfen, Architekt und Inhaber von Kämpfen für Energie AG, in einem eindrücklichen Vortrag auf: „Das Dach mit Ziegeln oder Kies zu decken, das ist heute wirklich veraltet“, ist Beat Kämpfen der Meinung und hat dies mit zahlreichen Gebäuden, in erster Linie Mehrfamilienhäusern, auch schon unter Beweis gestellt – Kollektoren oder/und Photovoltaik auf dem Dach oder in der Fassade, Röhrenkollektoren als Balkonelemente oder als Beschattungselemente über einem Treppenhaus, und zwar meistens in Kombination mit einer Erdwärmesonde. Kämpfen zeigte eine Solararchitektur, die ihren Namen verdient, weil sie in seinen Gebäuden die Wärme auch tatsächlich solar bereitstellt.
Appel von Swissolar
Swissolar lädt nun Bund, Kantone und Solarbranche zur Mitarbeit bei der Konkretisierung dieser Massnahmen ein. Der Masterplan für die Umsetzung des Ziels 2-Quadratmeter pro Kopf bis 2035 soll bis Herbst 2012 vorliegen und danach rasch umgesetzt werden. Swissolar und der Gebäudetechnikverband suissetec sind sehr motiviert, ihren Beitrag zu leisten, damit sich das erste Zwischenziel – 0,5 m2 pro Kopf bis 2020 – wirklich erreicht lässt. Übrigens: Platz auf unseren Dächern hat es zuhauf, noch lange ist das Potenzial der Dächer nicht ausgeschöpft, so dass neben der Wärme bis 2025 auch noch 20 Prozent des Stroms auf unseren Gebäuden produziert werden könnte. Das haben auch die Deutschen in ihren Potenzialstudien herausgefunden: Selbst mit sehr hohen Zielen im Bereich solare Wärme und Solarstrom werden die Potenziale der bestehenden Bauten nicht ausgeschöpft.
Hessigkofen: Swissolar-Zwischenziel für 2025 schon erreicht
Im Jahr 2011 waren in der Schweiz pro Einwohner erst rund 0,13 m2 Sonnenkollektoren installiert. Das Ziel von Swissolar, diese Fläche bis 2035 zu verfünfzehnfachen, erscheint deshalb als sehr ambitioniert. Die kleine Solothurner Gemeinde Hessigkofen mit ihren 260 Einwohnern beweist jedoch, dass es schnell geht, wenn die Ziele klar sind und der politische Wille vorhanden ist. Innert 3 Jahren hat sich dort die installierte Fläche Sonnenkollektoren von 34 m2 auf 224m2 erhöht – das sind 0,85 m2 pro Einwohner, mehr als das Sechsfache des schweizerischen Durchschnitts. Hessigkofen hat damit bereits das Zwischenziel für 2025 erreicht und deckt bereits 10 Prozent des Wärmebedarfs im Wohnbereich mit Sonnenenergie. Zusammen mit den installierten 2,27 m2 Photovoltaik-Zellen pro Einwohner (Solarstromproduktion) kommt Hessigkofen pro Kopf auf 3,1 m2 genutzte Solarfläche. Damit steht die kleine Gemeinde bei der Nutzung der Solarenergie im Schweizerischen Vergleich ganz gross da.
Potenzialstudie Solarwärme (Zusammenfassung) >>
©Text: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin ee-new.ch



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Toll, die Schweiz legt einen Zahn zu im Solarausbau. Österreich hat eine ähnliche Roadmap Solarwärme 2020 mit dem Ziel 10 Prozent des gesamten Niedertemperaturwärmebedarfes für Gebäude und Betriebe bis 2020 mit der Sonne zu decken, mit ähnlichen Massnahmen. Findet man unter http://www.solarwaerme.at/ASTTP/Forschungsagenda