06. Mai 2011

Dr. Beat Kegel: "Energetisch sinnvolle Gebäudeerneuerungen führen zum Plus- oder zumindest Nullenergiehaus. Obwohl technisch und wirtschaftlich in Reichweite, ist diese Ansicht noch wenig verbreitet."

Erdwärmespeicher: Der Heizkessel der Zukunft

(JW) An der Jahrestagung 2011 des energie-cluster.ch, die am 9. Mai 2011 in Bern stattfindet und das Thema „Effizienz- und Kostenrevolution mit erneuerbaren Energien“ behandelt, wird Dr. Beat Kegel aus Zürich über die dezentrale Nutzung der Solarwärme und der Erdspeicherung sprechen. Dazu präsentiert er auch Beispiele. Im folgenden Interview gibt er einen ersten Einblick in die Thematik.


Wie schätzen Sie den energetischen Stand der Neuba
uten und der Gebäudeerneuerungen in der Schweiz ein?
Beat Kegel:
Einerseits erfreulich in Bezug darauf, dass mehr und mehr nicht nur renoviert, sondern gleichzeitig energietechnisch verbessert wird. Dies sowohl bei der Wärmeversorgung als auch bei der Isolation der Gebäudehülle. Anderseits ungenügend, weil in vielen Projekten mit gleichem oder nur unwesentlich höherem Aufwand der Primärenergiebedarfnoch wesentlich stärker verringert werden könnte. Zum Beispiel bei den Wärmepumpen: Wer heute noch eine Anlage mit einer Jahresarbeitszahl in der Grössenordnung von 3 einbaut, hat ein technologisch veraltetes System und trägt dazu bei, dass der Strombedarf zur Raumheizung unnötig stark ansteigt. Mit der heutigen Technologie sind Jahresarbeitszahlen um 6 möglich, in Kürze werden Werte von 9 bis 12 erreicht.

An der Jahrestagung des energie-cluster.ch werden Sie über Solarwärme und Erdwärmespeicher referieren. Welche Innovationen stehen für Sie in diesem Bereich im Vordergrund?
Bei der Nutzung der Sonnenenergie erwarte ich von den neuen Hybridkollektoren viel. Auch die Saisonspeicherung von Solarwärme zur Raumheizung hat ein gewaltiges Potenzial. Beide Systeme können sich ideal ergänzen. Durch das tiefe Temperaturniveau der Saisonspeicher, insbesondere der Erdvarianten, wird der Hybridkollektor vortrefflich gekühlt und hat damit einen hohen Energieertrag.


Welche konkreten Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Ansatz eines Erdspeichers als Saiso
nwärmespeicher gemacht? Welches sind die Nutzen?
Die Erfahrungen sind sehr vielfältig. Drei wichtige Aspekte, welche noch wenig bekannt sind, lauten:

1. Der Jahresertrag von Sonnenkollektoren in Kombination mit Erdwärmespeichern ist wesentlich höher, als von Sonnenkollektoren mit konventionellen Warmwasserboilern.
2. Der Wärmeverlust der Erdspeicher ist so hoch, dass dieses System oft vorschnell verworfen wird. In Kombination mit dem hohen Ertrag der Sonnenkollektoren sind 50 bis 70 % Verlust verkraftbar.
3. Erdwärmespeicher sind in Kombination mit Niedertemperatur-Heizsystemen sehr interessant. Niedertemperatur heisst zirka 25 °C!

Wo liegen die Vorteile des Systems und seine Grenzen? Mit welchen Kosten muss man rechnen, beispielsweise im Vergleich mit einer Wärmepumpe mit Erdwärmesonden?
Die Jahresarbeitszahl, beziehungsweise der elektrothermische Wirkungsgrad, von Wärmepumpen mit Erdsonden ist aus heutiger Sicht zu tief. Es werden nur Werte zwischen 3 und 6 erreicht. Erdwärmespeicher mit Sonnenkollektoren können bis zu 40 erreichen. Die Grenzen, beziehungsweise die noch geringe Verbreitung dieses Systems, liegen an der fehlenden Erfahrung der Branche und am niedrigen Bekanntheitsgrad bei den Auftraggebern. Die Kosten der Speichervarianten sind im Vergleich zu den reinen Erdsondenlösungen leicht höher. Ein qualifizierter Vergleich ist aufgrund der geringen Anlagenzahl noch nicht möglich.

Wenn moderne Gebäudestandards kaum noch Heizwärme benötigen, bleibt nur noch die Warmwasserbereitung. Welche Mittel sollen dafür eingesetzt werden?
Gebäude ganz ohne Heizwärmebedarf erwarte ich auf längere Sicht nicht. Der Restheizbedarf und der Warmwasserheizbedarf können in vielen Fällen sinnvoll mit kombinierten Systemen gedeckt werden. Dies obwohl die Temperaturniveaus unterschiedlich sind. Es sind dazu viele Systeme am Markt. Wichtig ist, dass die Anlagen einfach, langlebig und effizient sind.

Wo liegen die Hindernisse für energetisch sinnvolle Gebäudeerneuerungen und wie können sie überwunden werden?
Energetisch sinnvolle Gebäudeerneuerungen führen zum Plus- oder zumindest Nullenergiehaus. Obwohl technisch und wirtschaftlich in Reichweite, ist diese Ansicht noch wenig verbreitet. Je mehr dieses Konzept nachgefragt und von Planern aktiv angeboten wird, desto eher kann es sich durchsetzen. Eine Regulierung in diesem Gebiet ist politisch unrealistisch und würde die technische Entwicklung mehr behindern als fördern.

Dezentrale Energieerzeugung ist aktueller denn je. Welchen Stellenwert hat das Plusenergiehaus und wie kann man dessen Verbreitung weiter fördern.
Die Wärmeleistung der Heizsysteme nimmt kontinuierlich ab. Die Verfügbarkeit der Heizsysteme ist enorm hoch. Würden unsere gebäudetechnischen Anlagen neben Wärme auch Strom erzeugen, hätten wir eine zuverlässige dezentrale Erzeugung und die Haustechnik hätte aufgrund des grösseren Energieumsatzes wieder ein besseres Kosten/Nutzen-Verhältnis. Die Gebäudetechnikbranche könnte sich zum Ziel setzen, dieses Konzept zu perfektionieren und mit Überzeugung zu vermarkten.

Interview: Jürg Wellstein

2 Kommentare
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Edwin Hausammann 16. Januar 2016 @ 16. Jan 2016 17:00

Aus persönlicher Erfahrung weiss ich, das hier vorgestellte Erdregistersystem zum Heizen funktioniert nicht. Seit 2010 heizen bei uns 6 Sonnenkollektoren Gesamtfläche 16m2 ein von Herr Dr. Kegel konzipiertes Erdregister. Die Temperatur heute 2016 im Erdregister beträgt 19°C. Sollte man damit Wohnungen heizen können?
Katastrophal, unmöglich!!

Heino Brunkert @ 22. Dez 2015 22:04

Praktische Beispiele wären schön,Theorie ist nur was für Theoretiker!!

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