05. Mai 2011

Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind sich einig – vor allem aber fordern es die Bürgerinnen und Bürger: Der Ausstieg aus der nuklearen und in der Folge verschwenderischen Stromerzeugung ist zwingend erforderlich.

Sichere und saubere Stromversorgung ohne AKW bis 2030 technisch und finanziell machbar

(AEE) Die A EE Agentur für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz hat heute gemeinsam mit Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft das 10-Punkte-Programm der Wirtschaft für eine erneuerbare und effiziente Stromversorgung vorgestellt.


Mit einem verlässlichen politischen Richtungsentscheid und geeigneten Rahmenbedingungen ist der Umstieg auf eine vollständig erneuerbare und effiziente Stromversorgung in weniger als zwei Jahrzehnten technisch und finanziell machbar – ohne Gefährdung der Versorgungssicherheit oder der Klimaziele.

Chancen für heimisches Gewerbe und exportierende Industrie
Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind sich einig – vor allem aber fordern es die Bürgerinnen und Bürger: Der Ausstieg aus der nuklearen und in der Folge verschwenderischen Stromerzeugung ist zwingend erforderlich. Möglich macht dies eine effiziente und vollständig erneuerbare Stromversorgung. Uneinigkeit herrscht einzig darüber, wie lange dieser Weg ist und welche „Brücken“ dabei zu bauen sind. Mit dem 10-Punkte-Programm der Wirtschaft für eine erneuerbare und effiziente Stromversorgung zeigen die A EE und Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft den Weg auf, um diesen Wechsel innert 20 Jahren zu vollziehen – bei einer stabilen Stromversorgung und gleichzeitig grossen Chancen für das heimische Gewerbe und die exportierende Industrie.


K
lares Bekenntnis der Politik
Stefan Batzli, Geschäftsführer der A EE: „Das 10-Punkte-Programm umfasst administrative, technologische, wirtschaftliche, infrastrukturelle und gesellschaftliche Aspekte für eine konsequente Energiewende. Was auf den ersten Blick nach einer Mammutaufgabe aussieht, ist mit einem klaren Bekenntnis der Politik zugunsten erneuerbarer Energien und Energieeffizienz innert zwei Jahrzehnten machbar. Die Schweizer Wirtschaft und die Bürgerinnen und Bürger erwarten nur die notwendige Planungs- und Investitionssicherheit, um entsprechende Vorhaben in die Tat umzusetzen und ihre Beiträge zur Energiewende zu leisten.“

Risiko-Rendite-Betrachtung
Auch in einer Risiko-Rendite-Betrachtung ist ein zügiger Übergang von nicht-erneuerbaren Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien in den nächsten 20 Jahren vorteilhaft. „Ein langfristiger Umstieg käme deutlich teurer, da sich das Risiko-Rendite-Verhältnis angesichts steigender Preise für fossile Energien, v.a. aber steigender Risikokosten der Atomkraft weiter zugunsten der erneuerbaren Energien verschieben wird“, berechnet Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen.

Blockierung des Kapitalmarktes durch Atomkraft
Dr. Matthias Fawer, Bank Sarasin, bestätigt, dass unterschätzte und falsch bewertete Risiken aus Preissteigerungen, Lieferengpässen, Kostenüberschreitungen, Katastrophen- und Umweltschäden für konventionelle Energien bis heute die Investitionen in eine falsche Richtung gelenkt haben. Die neuesten Ereignisse, nicht nur in Fukushima, führten vielfach zu einer Neubewertung durch Finanzinstitute, Energieversorger und Politiker und in der Folge zu verstärken Investitionen in erneuerbare Energien. Die Blockierung des Kapitalmarktes durch Atomkraftwerke mit Lauf- und Abschreibungszeiten von 50 bis 60 Jahren lassen sich nicht mehr rechtfertigen.

Prof. Dr. Franz Baumgartner, Dozent für Erneuerbare Energie an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Sprecher des wissenschaftlichen Beirates der A EE, hält fest: „Der Verband der Schweizer Stromversorger (VSE) stufte noch im letzten Jahr das Zubauziel des Bundesrates von 5,4 TWh aus neuen erneuerbaren Energien bis 2030 als zu ambitiös ein. Dabei wurde das Potenzial der Photovoltaik mit weniger als 1 TWh angesetzt. Demgegenüber kamen verschiedene Studien – noch vor Fukushima! – zu dem Schluss, dass Photovoltaik rund 20% des Strombedarfs liefern könne. Die dazu benötigte Menge von ca. 14 GW Solarzellen wurden in Deutschland allein in den letzten zwei Jahren installiert.“

Und David Stickelberger, Geschäftsleiter von Swissolar, rechnet vor, dass für diesen Ausbau der Photovoltaik nur gerade die Hälfte der besonders geeigneten Gebäudeflächen oder 12 m2 je Person genügten. Damit liesse sich schon 2025 die Hälfte der heutigen Produktion schweizerischer Atomkraftwerke problemlos erzeugen.

IWB macht es vor
Dass der Umstieg gelingen kann, zeigt das Beispiel des Kantons Basel-Stadt. David Thiel, CEO der Industriellen Werke Basel (IWB), ist überzeugt, dass eine Energieversorgung, die zu 100% auf Energieeffizienz und erneuerbaren Energien basiert, realisierbar und auch finanzierbar ist. Was es zusätzlich braucht, ist die passende Netzinfrastruktur: „Die IWB setzt sich für genügend Netzkapazitäten in Europa ein und für einen Anschluss der Schweiz an das zu bauende Hochleistungsnetz. Das ermöglicht es uns, die erneuerbare Energie dort zu beziehen, wo sie wirtschaftlich und in grossen Mengen produziert werden kann. Mit der Konsequenz, dass auf unrentable Atomkraftwerke verzichtet werden kann. Der Schweiz droht eine Netzlücke und keine Stromlücke“.

10-Punkte-Programm der Wirtschaft für eine erneuerbare und effiziente Stromversorgung

  1. Politischer Richtungsentscheid. Bundesrat und Parlament anerkennen die Potenziale der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien. Sie legen mit einem klaren Bekenntnis zum Umstieg auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien und damit zum Atomausstieg die langfristige Ausrichtung der schweizerischen Energiepolitik fest. Der Entscheid schafft für die Wirtschaft verbindliche Rahmenbedingungen und legt deren Handlungsspielraum fest. Planungs- und Investitionssicherheit für Private und Unternehmen sind die Folgen. Die aktuelle „Stop-and-Go-Politik“ findet ein Ende.
  2. Förderliche Rahmenbedingungen für Energieeffizienz. Energieeffizienz ist der Hebel, um den Energieverbrauch vom Wirtschafts-und Bevölkerungswachstum zu entkoppeln. Sie ist die Basis für eine vollständige Versorgung mit erneuerbarer Energie. In allen Sektoren und Anwendungen sind nach wie vor gewaltige Potenziale zum Energiesparen ohne Leistungs- und Komfortverzicht vorhanden: bei Gebäuden (z.B. mittels Minergiebauweise), in der Industrie, im Dienstleistungssektor, bei Private (z.B. Ersatz von Elektroheizungen) und der Mobilität. Ein systematisches Verbrauchsmanagement braucht ein effizienzbasiertes Energielenkungsprogramm, das sowohl Verbrauchsvorschriften und Lenkungsabgaben (z.B. zur CO2-Reduktion) als auch einen Ausbau der Wärme-Kraft-Koppelung, Energieeffizienzdienstleistungen, die Umsetzung der Bestgerätestrategie und die Implementierung intelligenter Netze und Zähler beinhaltet.
  3. Förderliche Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien. Förderliche Rahmenbedingungen für einen raschen Ausbau des Anteils neuer erneuerbarer Energien am Strom-Mix schliessen ausser steuerlichen Investitions- und Lenkungsanreizen sowie einer zeitlich begrenzten finanziellen Förderung von erneuerbaren Stromproduktionskapazitäten auch die Schaffung eines wettbewerblichen Elektrizitätsmarkts ein. Dazu braucht es Rechts- und Planungssicherheit und eine Beschleunigung des Bewilligungsverfahrens für den Bau erneuerbarer Energie- und Netzinfrastrukturen. Die Limitierung der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) muss sowohl gesamthaft als auch für alle erneuerbaren Energieträger aufgehoben werden. So kann das Potenzial aller erneuerbaren Energien – Photovoltaik, solare Wärme, Holzenergie, Biomasse, Wind, Wasserkraft, Erdwärme – optimal erschlossen werden.
  4. Erneuerung und Ausbau der Netzinfrastruktur zur dezentralen Stromversorgung. Das Schweizer Stromübertragungsnetz ist überaltert und läuft an der Belastungsgrenze. Zudem ist es v.a. auf eine zentralisierte Stromproduktion in Grosskraftwerken ausgelegt. Neue Technologien machen es leistungsfähiger, effizienter und flexibler. Der konsequenteAusbau des Übertragungsnetzes in der Schweiz ist für eine in allen Landesteilen zuverlässige und auf dezentralen Einspeisemöglichkeiten basierende Energieversorgung zwingend erforderlich. Sie ist zudem eine Voraussetzung für die Integration erneuerbarer Energien in den Strom-Mix – national und grenzüberschreitend. Es braucht daher die aktive Beteiligung der Schweiz in den EU-Gremien und einen Masterplan für den Ausbau und die Modernisierung der schweizerischen und europäischen Netzinfrastruktur. Ein fortschrittliches Energieabkommen mit der EU ist dafür die Basis.
  5. Pumpspeicherkraftwerke und neue Speichertechnologien als „grüne Batterien“. Die Schweiz ist bereits heute eine wichtige Stromdrehscheibe und verfügt mit ihren Pumpspeicherkraftwerken über ein grosses Potenzial für die Netzregulierung. Pumpspeicherkraftwerke dürfen in Zukunft aber einzig dazu eingesetzt werden, um die volatil anfallende Energieproduktion aus erneuerbaren Energien zu regulieren. Es gilt der Vorrang für erneuerbare Energien. Neue Speichertechnologien wie z.B. die elektrolytische Produktion von Wasserstoff oder dezentrale Speicherung in Verbindung mit Photovoltaikanlagen auf Gebäuden sind weiterzuentwickeln und auszubauen. Das bestehende Gasnetz soll als Teil der regenerativen Stromspeicherung integriert werden.
  6. Funktionierender Finanzmarkt für erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Auf dem Kapitalmarkt sind Voraussetzungen zu schaffen, um die Finanzierung der erforderlichen Infrastrukturen für die Produktion, den Transport und die Verbrauchssteuerung auf viele Schultern zu verteilen. So muss auch neuen Investoren, wie z.B. Pensionskassen, ein Engagement in erneuerbaren Energieanlagen und entsprechenden Infrastrukturen ermöglicht werden, um für heutige und künftige Generationen nicht nur angemessene Renditen zu erwirtschaften, sondern auch eine saubere und sichere Energieversorgung zu gewährleisten.
  7. Förderung anwendungsnaher Forschung und Entwicklung von Hochschulen und Wirtschaft. Die Wissensbasis für erneuerbare und effiziente Energietechnologien ist durch gezielte Forschungsförderung systematisch zu stärken. Die bestehende, stark auf die Grundlagenforschung ausgerichtete Struktur der Forschungsförderung ist zu Gunsten der anwendungsnahen Forschung der Hochschulen und der Wirtschaft zu überdenken. Der Wissens- und Technologietransfer sowohl zwischen Forschungs- und Lehreinrichtungen als auch zwischen Unternehmungen und der Wissenschaft muss durchlässiger gestaltet werden – dies ebenfalls auf nationaler wie internationaler Ebene. Zugleich ist die Wettbewerbsposition der Schweiz sowohl bei der Entwicklung als auch der Anwendung entsprechender Technologien durch eine weitere Qualifizierung der Fachkräfte auf allen Bildungsstufen und des F&E-Personals von Unternehmungen und Forschungseinrichtungen auszubauen.
  8. Standortpromotion, einheimische Arbeitsplätze und Exportförderung. Die Schweiz mit ihren innovativen Unternehmen und Forschungseinrichtungen kann in besonderem Masse von der weltweiten Entwicklung weg von einer fossilen und nuklearen und in der Folge verschwenderischen hin zu einer effizienten und erneuerbaren Energieversorgung profitieren. Mit konkurrenzfähigen nationalen Rahmenbedingungen schafft die Politik die Voraussetzungen, damit sich diese im internationalen Wettbewerb behaupten können. Im Wesentlichen erfordert dies Strukturen mit verlässlichen Planungsparametern, gesundem unternehmerischen Risiko, hoher heimischer Wertschöpfung und geringen Transaktionskosten. Dies schafft nachhaltige Wertschöpfung und Arbeitsplätze für Industrie, Gewerbe und Dienstleister. Eine zeitgemässe Energiepolitik ist somit auch nachhaltige Wirtschaftspolitik im Interesse des Werk- und Innovationsplatzes Schweiz.
  9. Wechsel von der nationalen zu einer europäischen Energieversorgung. Die Schweiz ist Teil von Europa. Auch die Energieversorgung ist deshalb verstärkt europäisch zu gestalten; die absoluten Autarkie-Szenarien sind wirtschaftspolitisch nicht zielführend. Darum braucht die Schweiz einen diskriminierungsfreien Zugang zum europäischen Strommarkt und die erforderlichen Transportkapazitäten für die grenzüberschreitende Versorgung der Schweiz mit Strom aus erneuerbaren Quellen.
  10. Ein neuer Gesellschaftsvertrag. Die konsequente Förderung der Energieeffizienz und der Ausbau der erneuerbaren Energien sind eine gesellschaftliche Herausforderung. Ohne die aktive Beteiligung der Bevölkerung, der engagierten Energieversorgungsunternehmen und entsprechender Interessenvertretungen kann die Energiewende nicht gelingen. Bürgerinnen und Bürger entscheiden als Stimmende, Konsumenten und Investoren direkt über die künftige Energieversorgung. Die Gesellschaft kann und muss für diese Herausforderung sensibilisiert und mobilisiert werden. Erneuerbare und effiziente Energietechnologien dürfen nicht länger die Ausnahme bleiben, sondern gehören künftig zum gesellschaftlichen, unternehmerischen und individuellen Selbstverständnis.

Text: AEE

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